Der Aufstieg des Asiatischen Whiskys – Chris Hayn

yamazakiWhisky Awards gibt es heutzutage fast so viele wie den sprichwörtlichen Sand am Meer. Und so wie ein Sandkorn dem anderen ähnelt, so haben diese, in ihrer Entscheidungsfindung mal mehr, mal weniger transparenten Preisverleihungen, in letzter Zeit meist eins gemeinsam: Am Ende steht ein Whisky aus Fernost auf dem Siegertreppchen.

Nun wurden Whiskys aus Asien, und allen voran aus Japan, in der Vergangenheit schon bereits des Öfteren mit Preisen bedacht, aber bei der aktuellen Fülle an Auszeichnungen könnte man fast schon meinen, dass asiatischer Whisky seinem großen Vorbild aus Schottland nun endgültig den Rang abgelaufen hätte. Was natürlich zwangsläufig zu der Frage führt, ob dies tatsächlich auch der Fall ist.

Doch blicken wir ein paar Monate zurück. Es ist Anfang November letzten Jahres und Onlineportale und Printmedien sind voll von Schlagzeilen wie „Bittere Niederlage für die Schotten“, „Blamage für Schottland“, oder einfach, wenn auch wenig originell, „Der Schottenschocker“. Doch was war geschehen? Der bekannte Whisky-Autor und –Kritiker Jim Murray, für viele (gerechtfertigt oder nicht) immer noch der Experte schlechthin auf dem Gebiet, hatte in seiner jährlich erscheinenden „Whisky Bible“ den Yamazaki Sherry Cask 2013 aus Japan zum „World Whisky of the Year“ ausgezeichnet. Ein absolutes Novum in der elfjährigen Geschichte dieser Publikation, war es doch das erste Mal überhaupt, dass ein Whisky, der nicht in Schottland hergestellt wurde, mit dieser Auszeichnung bedacht wurde. Zwar stellte diese Auszeichnung nur die persönliche Meinung eines Einzelnen dar, aber trotzdem glich diese Entscheidung einem Paukenschlag. Die Emotionen in den Sozialen Medien kochten teilweise sehr hoch während der gerade erst ausgezeichnete Whisky binnen 48 Stunden nahezu überall ausverkauft war. Währenddessen erhielt ich die eine oder andere Nachricht von ansonsten eher weniger Whisky-interessierten Freunden, frei nach dem Motto: „hast du schon von diesem japanischen Whisky gehört…?“. Ohne jeden Zweifel, japanischer Whisky war innerhalb kürzester Zeit in den Fokus der Allgemeinheit gerückt. In der Zwischenzeit hat sich der Preis des Yamazaki Sherry Cask 2013 auf den einschlägigen Auktionsplattformen bei etwa 1.600€ bis 1.800€ eingependelt und kostet damit mehr als zehnmal so viel wie vor seiner Auszeichnung durch Jim Murray. Auch ich hatte die Gelegenheit diese Abfüllung zu probieren und glauben Sie mir: Es handelt sich um einen wirklich guten Whisky, aber dem um ihn entstandenen Hype wird er dann doch nicht vollkommen gerecht, zumindest meiner persönlichen  Meinung nach.

kavalanJedoch ist in den letzten Monaten eine weitere Brennerei aus Asien in den Fokus der Whisky-Gemeinschaft gerückt. Die Rede ist von der erst 2005 gegründeten Kavalan Brennerei aus Taiwan, einem Land, das bisher eher wenigen für seinen Whisky bekannt war. Nun gibt es heutzutage, wie eingangs bereits von mir erwähnt, mehr Whisky-Preisveranstaltungen als ich verfolgen kann (und will), aber hier ein Auszug der Preise, die diese aufstrebende Brennerei in den letzten Wochen und Monaten gewonnen hat: „World’s Best Single Malt“ für den Kavalan Solist Vinho Barrique bei den World Whiskies Awards (der Preis für den „World’s Best Blended Malt“ gingen übrigens an den japanischen Nikka Taketsuru Pure Malt 17 Jahre), viermal Doppelgold und zweimal Silber bei den San Francisco World Spirits Competition, zudem wurde Kavalan zum „Whisky Brand Innovator of the Year“ und Ian Chang, der Master Blender der Brennerei, zum „Whisky Distillery Manager / Master Distiller of the Year“ bei den Icons of Whisky ausgezeichnet. Für eine noch so junge Brennerei schon ziemlich beeindruckend, und weitere Ehrungen scheinen bereits vorprogrammiert zu sein.

Aber was bedeuten diese Auszeichnungen nun unter dem Strich? Sind asiatische Whiskys tatsächlich so viel besser geworden als ihre schottischen Vorbilder? Haben sich die Brennereien in Schottland zu lange auf ihren Lorbeeren ausgeruht und verlieren nun ihre Vormachtstellung an Brennereien aus Japan und auch aus Taiwan?

Eins vorneweg: Auch die Schotten produzieren weiterhin teilweise hervorragenden Whisky, ganz ohne Frage. Von einem allgemeinen Qualitätsverlust möchte ich daher auch gar nicht schreiben und die von einigen bereits heraufbeschworene „Wachablösung“ sehe ich in dieser Form auch nicht.

Wahr ist allerdings auch, dass die Schotten nicht die Einzigen sind, die guten Whisky herstellen können. Sicherlich, Schottland kann auf eine lange, ehrwürdige Whisky-Tradition zurückblicken, die bereits über 300 Jahre bestand, bevor in Japan die erste richtige Whisky-Brennerei gebaut wurde (1923). Dieser vermeintliche Vorsprung scheint aber nur auf dem ersten Blick so groß zu sein. Die japanischen Brennereien, und hier allen voran die beiden großen Konzerne Suntory und Nikka, haben es nämlich innerhalb weniger Jahrzehnte geschafft, zu dem großen schottischen Vorbild aufzuschließen und stellen heute Whiskys her, die sich teilweise absolut auf Augenhöhe mit ihren schottischen Pendants befinden. Und obwohl, oder vielleicht gerade auch deswegen, im Land der aufgehenden Sonne gerne auf altbewährte Herstellungsverfahren aus Schottland zurückgegriffen wird, so sind die dort produzierten Whiskys schon lange viel mehr als eine bloße „Kopie“ und weisen ganz eigene Merkmale auf. Ähnliches gilt natürlich auch für Kavalan aus Taiwan, wobei dort die klimatischen Bedingungen eine besondere Rolle spielen. Auf Grund der hohen Luftfeuchtigkeit und den subtropischen Temperaturen ist der sogenannte Angel’s Share (der Teil des Alkohols, der während der Lagerung durch die Fassporen verdunstet) mit ca. 15 bis 18% pro Jahr  etwa siebenmal so hoch in wie in Schottland. Als Folge füllt die Brennerei ihren Whisky verhältnismäßig jung ab. Aber auch dies stellt nicht unbedingt einen Nachteil dar. Vielmehr   erhalten die Kavalan Abfüllungen dadurch einen ganz eigenen Charakter.

Whisky ist nun einmal nicht gleich Whisky, aber gerade dieser Umstand macht unser Hobby so spannend und faszinierend. Und es muss auch nicht immer nur Whisk(e)y aus Schottland, Irland oder den USA sein. Auch aus Asien gibt es hervorragende Whiskys, die es lohnt zu entdecken. Für mich stellt der Aufstieg des asiatischen Whiskys daher auch keine kurzweilige Modeerscheinung, sondern eine nachhaltige Bereicherung dar, die die Whisky-Welt eindeutig bunter und vielfältiger macht.

Vertrauen Sie jedoch nicht auf Awards oder die Meinung von Einzelnen und machen Sie sich Ihr eigenes Bild von asiatischen Whiskys. Aber ich kann Ihnen eines versprechen: Sie werden Ihre Freude haben.

In diesem Sinne: Kanpai!