Meine Liebe zu Whisk(e)y – Richard Hoffmann

Die rubinrote Färbung eines first Fill Sherry-Whiskys. Der Moment, wenn man eine lange und nervenaufreibende Jagd nach einer Flasche erfolgreich beendet. Er ist vergleichbar mit der Ausschüttung von Glückshormonen, wenn man als Marathonläufer die Ziellinie überquert. Die spürbare Vorfreude, wenn man eine neue Flasche öffnet. Das Geräusch, wenn der Korken zum allerersten Mal den Flaschenhals verlässt.

Ein letztes Seufzen der Hüter des Angels‘ Share?

Diese Liebe ist zu einer Lebenseinstellung geworden. Ich genieße inzwischen sehr viele Dinge ganz bewusst. Das beginnt bei dem Genuss einer Mahlzeit und endet bei dem bewussten Genuss des Lebens und so vielen Momenten wie nur möglich. Denke ich an das Wasser des Lebens, denke ich an viele tolle Abende mit Freunden, an Schottland und an den betörendem Duft, welcher aus einem Nosingglas strömt. Dass ich dann meist direkt Lächeln muss, ist ein schöner Nebeneffekt.

Whisky ist Freundschaft. Whisky ist ein langer Abend mit guten Freunden.  Whisky kann auch zur Völkerverständigung beitragen. Ein Beispiel gefällig?

Ich habe den Jahreswechsel 2011 – 2012 in Irland verbracht, genauer am Trinity-College. Dort fand die größte Silvesterparty in Dublin statt. Das Publikum war bunt gemischt und bestand aus jungen Touristen und älteren Dublinern, oder war es anders herum? Die eine oder Szene jenes Abends ist mir inzwischen entfallen, ich schiebe es auf den an diesem Abend verstärkten Genuss von Jameson. Jedenfalls stand ich an einer Laterne unweit einer Bushaltestelle mit guter Aussicht auf die Bühne und trank ein Guinness. Rechts neben mir fand ein mittelaltes Pärchen Platz. Wir nickten uns kurz zu und wandten uns wieder der Bühne zu. Eine halbe Stunde später hatte ich einen Flachmann in der Hand und wir teilten uns seinen Whiskey. Es könnte ein Jameson gewesen sein, muss es aber nicht. Die Geste an sich hat mich weiter in meiner Überzeugung gestärkt, dass Whisk(e)y mehr als nur ein Genussmittel ist.

Abschließend möchte ich noch etwas für den nächsten Whiskyabend mit auf den Weg geben. Lassen Sie sich Zeit beim Genuss, halten kurz inne und bedenken, welch langen Weg der Whisky in Ihrem Glas hinter sich hat um letztendlich genossen werden zu können.

Alles beginnt bei der Auswahl der richtigen Zutaten, des Quellwassers, des Getreides und der Hefe. Allein diese Entscheidung Bedarf einer gewissen Zeit.Danach steht die Frage im Raum, welches Fass für das Destillat, wenn dieses den Ansprüchen des Brennmeisters genügt, genutzt wird. Welches Holz soll es sein? Amerikanische oder europäische Weißeiche? Wie stark soll das Fass ausgebrannt sein? Nimmt man ein frisches Sherryfass oder ein mehrfach genutztes? Und aus welcher Bodega überhaupt? Oder doch ein Fass aus der Sauternes-Region? Fragen über Fragen. Und dabei hat man noch nicht mal den Lagerort festgelegt.Vor einer Weile habe ich erfahren, dass Whisky, der weit oben im Regal lagert, über seine Reifezeit an Alkoholstärke zulegt. Fässer, die weiter unten liegen, verlieren an Alkohol. Dieser Umstand hängt natürlich auch von den Umwelteinflüssen vor Ort und der Bauweise der Lagerstätte ab. Die nächsten Fragen könnten sich damit befassen, wie oft das Fass bewegt werden soll, ob später eine Nachreifung in einem anderen Fass stattfinden soll und wie lange der Whisky überhaupt lagern wird.

Bei den Whiskys, die wir heute im Glas haben, liegen all diese Entscheidungen teilweise schon sehr weit zurück. Meist wurde alles richtig gemacht und ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich überlege, ob der Whisky denn so geworden ist, wie es sich die damalige Chefnase der Destille gedacht hatte. Wenn ich jetzt einen 30 jährigen Whisky im Glas habe, dann mache ich mir bewusst, wie lange der Whisky auf den heutigen Tag gewartet hat und was er schon alles erlebt hat. Immerhin ist er älter als ich selbst.

Wie man nun also erkennen kann, ist Whisky nicht einfach nur eine Spirituose. Whisky ist das wahrscheinlich komplexeste Getränk der Welt. Es verbindet Handwerkskunst und natürliche Zutaten und erschafft damit etwas magisches.

Slàinte mhath!